Masken-Akustik

Das Tragen von Mund-Nasen-Schutz (MNS) zeigt: Hörbeeinträchtigte leiden unter der erschwerten Sprachverständlichkeit doppelt. Wer bislang einen leichten Hörverlust noch gut kaschieren konnte, der oder die bemerkt sein oder ihr Handicap jetzt umso stärker.

Was sind die audiologischen Hintergründe dafür?

1. Akustische Dämpfung sprachrelevanter Frequenzen

Verschiedene akustische Untersuchungen in den letzten Monaten haben gezeigt, dass Masken hochtonige Sprachfrequenzen besonders stark dämpfen. Das betrifft vor allem leise Konsonanten wie f, s, k, sch und g, welche z.B. bei einer Presbyakusis (Altershörverlust) sowieso bereits schlechter wahrgenommen werden.

Dabei spielt es eine Rolle, aus welchem Material der MNS gefertigt ist. Selbstgenähte Stoffmasken, schlimmstenfalls noch mit Falten versehen, dämpfen viel stärker als dünne Membranen. Sie wirken akustisch wie ein dicker Samtvorhang im Theater.

Physikalisch beobachten wir bei dicken Stoffmasken eine Abdämpfung im Sprachhauptbereich von über 10 Dezibel. Zehn Dezibel entsprechen psychoakustisch der Wahrnehmungs-Halbierung: es kann nur mehr die Hälfte der Artikulation wahrgenommen werden. Dadurch präsentiert sich ein Lückentext, den der/die Betroffene kognitiv auffüllen muss. Das kostet Energie und funktioniert nicht immer tadellos.

Gesichtsvisiere aus Plastik wiederum haben einen anderen Nachteil: sie kreieren im mitteltönigen Bereich um die 800 Hz herum Resonanzen, die das Sprachbild verwaschen. Dadurch wirkt Sprache „höhlelig“ (hohl auf Schweizerdeutsch). Außerdem wird der Hochtonbereich noch stärker abgedämpft als bei den Stoffmasken. Es entsteht also ein völlig verwaschenes Klangbild.

2. Ablesen des Mundbildes unmöglich

Der Vorteil von Gesichtsvisieren ist jedoch, dass das Mundbild erhalten bleibt. Und hier kommen wir zum 2. Punkt, warum es Hörbeeinträchtigte doppelt schwer haben, mit einer Person, die einen MNS trägt, zu kommunizieren:

Obwohl sich kaum jemand dessen bewusst ist, wenn man ihn oder sie darauf anspricht: jedeR schaut unbewusst auf das Mundbild, um besser zu verstehen. Die visuelle Information ergänzt die akustische enorm und hilft eben auch, den Hörverlust mit dem anderen Sinn zu kompensieren. So genial arbeiten unsere Sinnesorgane also normalerweise zusammen und helfen sich gegenseitig aus!

Fällt nun aber durch den MNS das Mundbild weg, und ist zusätzlich durch einen dicken Stoff die Sprachverständlichkeit herabgesetzt, so tun sich Hörbeeinträchtigte um gefühlte 4x schwerer zu verstehen, als dies ohne MNS der Fall ist.

Die Auswertung dieser Studie wird demnächst im „Journal of the Acoustical Society of America” veröffentlicht.

Paper citation: Ryan M. Corey, Uriah Jones, and Andrew C. Singer, “Acoustic effects of medical, cloth, and transparent face masks on speech signals,” to appear in the Journal of the Acoustical Society of America.

By | 2020-11-17T09:51:30+01:00 Dienstag, 17. November 2020|Allgemein|Kommentare deaktiviert für Masken-Akustik

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